Michael Larcher ist staatl. gepr. Berg- und Skiführer seit 1984, dazu beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Alpinunfälle. Seit 1992 arbeitet er im Headquarter des OeAV in Innsbruck, ist Leiter der Abteilung Alpenverein-Bergsport und der Alpenverein-Bergsteigerschule. Seit 1992 verfasst er vielfältige Beiträge zur Sicherheit im Bergsport: Entwicklung der Risikomanagement-Strategien „Stop or Go“ (1999, gemeinsam mit Robert Purtscheller) und „Partnercheck“ (1997). Er ist Begründer und langjähriger Chefredakteur von bergundsteigen – Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport, Autor des Standardwerkes „Seiltechnik“ (mit Heinz Zak) und zahlreicher Fachbeiträge zur Sicherheit im Bergsport. Leiter der staatlichen Instruktoren-Ausbildung für Skitouren, Hochtouren und Klettern-Alpin. Wir haben Michael zum Thema Risiko interviewt.

Häufig wird in der Debatte zu den Risiken des Winterbergsports – hier bezogen auf den Bereich Lawinenprävention – ein systematisches, objektives Risikomanagement wie die Reduktionsmethode oder „Stop or Go“ gegen ein intuitives, vor allem auf Erfahrenheit und situativer Beurteilung fussendes Vorgehen (Stichwort: „Bauchgefühl“) gestellt. In welchen Hinsichten macht nach Deiner Einschätzung eine solche klare Frontstellung Sinn, in welchen wäre sie zu differenzieren bzw. zu problematisieren?

Als schnelle Antwort für eilige Leser würde ich mich Werner Munter anschliessen und behaupten: Intuition und Erfahrung sind überholt, Mustererkennung, Risikobewertung auf statistischer Grundlage und klare Regeln sind State oft he Art. Dass hier immer Lawinen und das Entscheiden des Schneesportlers im freien Skiraum gemeint sind, versteht sich. Ich würde mich diesem Fragenkomplex aber gerne ausführlicher widmen: Was wir heute in der praktischen Lawinenkunde erleben, ist eine Art Gegenrevolution. Nachdem sich Experten dem enormen Druck der strategischen Lawinenkunde nach kurzem Widerstand ergeben mussten, da die statistischen Belege und sachlichen Argumente erdrückend waren, sieht man nun die Chance, die Ehre des alten Systems – beruhend auf Erfahrung, Intuition und Schneeprofil – wiederherstellen zu können. Erfahrung, Intuition und neue Formen der Schneedeckenanalyse sind wieder en vogue und werden in der Lawinenkunde als gleichberechtigte und gleichwertige Methoden neben die strategische Lawinenkunde gestellt. Der Paradigmenwechsel in der praktischen Lawinenkunde, den wir Munter verdanken, wird relativiert und am Mythos des Experten, der ohne Regeln auskommt, wird wieder kräftig gearbeitet. „Die Strategien“, so werden die auf Munter aufbauenden Modelle benannt, seien nur für Anfänger eine Option und sie sind als Entscheidungshilfen in der Planungsphase geeignet, nicht aber für die konkrete Entscheidung am Einzelhang.

Intuition und Bauchgefühl – ich verwende die Begriffe als Synonyme – sollen wieder ein probates Mittel zur Entscheidungsfindung werden. Ein Instrument für ambitionierte Tourengeher, die entscheiden müssen, ob ein unverspurter (oder nur gering verspurter) Steilhang stabil ist – so stabil, dass die Zusatzbelastung durch ihn und seine Partner keine Schneebrettlawine auslösen wird. Einigkeit besteht heute darüber, dass eine derartige Prognose zur Stabilität im Einzelhang immer fehlerbehaftet ist, man also nur Aussagen über Wahrscheinlichkeiten machen kann (von ganz wenigen eindeutigen Situationen abgesehen).

In einem derart mit Unsicherheit behafteten Umfeld ist es zunächst allzu menschlich, der Erfahrung und der Intuition einen hohen Stellenwert einzuräumen. Wenn uns die Wissenschaft keine Antworten auf unsere essentiellen Fragen zum Risiko im freien Skiraum liefern kann, dann bauen wir auf das alte System: Erfahrung, Bauchgefühl, Bauernregeln, rituelle Handlungen, Magie. Man mag bereits schlussfolgern, dass der Autor dieser Zeilen wenig vom Bauchgefühl hält, wenn es um Skifahrerlawinen geht. Dieser Eindruck ist nur eingeschränkt richtig, da wir zunächst klären müssen, was wir unter Intuition verstehen.

Was meinen wir, wenn wir von Intuition sprechen? Lassen sich Intuition und Bauchgefühl überhaupt definieren? Ich denke JA und halte mich dabei an Gigerenzer, der die Begriffe Intuition, Bauchgefühl oder Ahnung verwendet, „um ein Urteil zu bezeichnen,

  1. das rasch im Bewusstsein auftaucht,
  2. dessen tiefere Gründe uns nicht ganz bewusst sind und
  3. das stark genug ist, um danach zu handeln.“

Betrachten wir nun die möglichen Szenarien, die sich für die Intuition in unserem Anwendungsbereich ergeben:

  1. der Hang ist stabil, das Bauchgefühl signalisiert keine Warnung, also Go.
  2. der Hang ist stabil, das Bauchgefühl signalisiert Stop.
  3. der Hang ist instabil, das Bauchgefühl signalisiert keine Warnung, also Go.
  4. der Hang ist instabil, das Bauchgefühl signalisiert Stop.

Die Szenarien eins und zwei sind harmlos, hier ist jede Entscheidung – aus Sicht der Unfallvermeidung – richtig. In der Situation vier liege ich mit meiner Intuition richtig, ob zufällig oder begründet, sei dahingestellt. Die wesentliche Frage in diesem Kontext ergibt sich aus Situation drei, denn hier lässt uns die Intuition im Stich. Die entscheidende Frage zur Effektivität der Intuition lautet daher: Können wir darauf vertrauen, dass Szenario drei extrem selten vorkommt – so selten, dass wir fast immer zu guten Entscheidungen und zu einem gesellschaftlich akzeptablen Risiko kommen? Anders und verkürzt formuliert: Ist es dann, wenn kein warnendes Bauchgefühl da ist, sicher?

Nach Gigerenzer funktionieren Bauchgefühle auf der Grundlage von (1) einfachen Faustregeln, die sich (2) evolvierte Fähigkeiten des Gehirns zunutze machen. Faustregeln beruhen auf dem Prinzip, dass in einem komplexen System die wichtigste Information herausgegriffen und der Rest ausser Acht gelassen wird. Evolvierte Fähigkeiten entstehen aus Fertigkeiten, die uns von der Natur (Evolution) aus gegeben sind und durch lange Übung zur Fähigkeit werden.

Wenn wir auf diesen Grundlagen die Möglichkeiten der Intuition zur Warnung vor Schneebrettgefahr einstufen wollen, dann müssen wir zunächst ein durchgehendes Scheitern diagnostizieren: Klassische und analytische Lawinenkunde bieten keine wirklich brauchbaren Faustregeln, keine, die zu einigermassen klaren Entscheidungen führen. Alles bleibt im Konjunktiv, im Vielleicht, im Unscharfen. In der Vor-Munter-Ära bestand die Lawinenkunde aus Lehrsätzen – „der Wind ist der Baumeister der Lawinen“ – und Gefahrenhinweisen nach dem Motto: „Achtung bei …!“ Achtung nach Neuschnee, Achtung auf Schneeverwehungen, Achtung bei raschem Temperaturanstieg etc. So richtig viele dieser Hinweise waren und es bis heute sind: Sie erleichterten kaum die Entscheidung im konkreten Einzelfall.

Auf evolvierte Fähigkeiten, Fähigkeiten, die uns als Menschen von Natur aus mitgegeben sind, können – so meine Hypothese – wir nicht bauen, da Schneelawinen in der menschlichen Evolutionsgeschichte keine Rolle spielten. Wir mussten und konnten daher keine unbewussten Fähigkeiten entwickeln, die uns vor Lawinengefahr warnen. In diesem Feld an die Intuition als eine unbewusste und angeborene Fertigkeit des Menschen zu glauben, ist Esoterik pur.

Stop or Go-Entscheidungen wurden von den Skitouren-Experten über viele Jahrzehnte ausschliesslich intuitiv getroffen. Je nach individueller Erfahrung bildeten Berg- und Skiführer – häufig unbewusst – ihre individuellen Faustregeln aus. Eine sehr mächtige, in der Evolution des Menschen entwickelte Fertigkeit, die der Wiedererkennung (Rekognitionsheuristik), spielte eine Schlüsselrolle. Geländestrukturen, Schneebeschaffenheit, die Beobachtung von frischen Schneebrettlawinen u.a.m. wurden als Bilder abgespeichert, die dann mit einer aktuellen Ist-Situation verglichen werden konnten. So entwickelte sich über Jahre des Draussen-unterwegs-seins-„Erfahrung“, festigte sich die intuitive, situative Beurteilungsmethode. Entscheidungen wurden nicht gefunden, sie waren einfach da. Zwischen den Prozessen Wahrnehmen und Handeln, waren die Prozesse Beurteilen und Entscheiden kaum oder gar nicht vorhanden.

Die Problematik dieser Form der Lawinenkunde ist durch unzählige Lawinenunfälle mit Expertenbeteiligung dokumentiert und bis heute ist die Mehrzahl der Todesopfer im Bereich Skitouren der Kategorie „sehr erfahren“ zuzuordnen. Die Ursachen für das Versagen der intuitiven, situativen auf Erfahrung beruhenden Lawinenkunde hat mehrere Ursachen: Skifahrerlawinen sind seltene Ereignisse, die Mehrheit der Tourengeher und Freerider wird damit in ihrem ganzen Leben nie direkt konfrontiert. Lawinen sind zudem ein Feld, wo Lernen durch Versuch und Irrtum nicht möglich ist, da die hohe Sterblichkeitsrate dieses Lernverfahren ausschliesst. Zudem sind Lawinen entweder-oder-Ereignisse. Sie passieren oder passieren nicht, Null oder Eins. Wir erfahren daher nie etwas über die Qualität unserer Entscheidungen, darüber, wie nah wir einer Lawinenauslösung wirklich waren. Das Ergebnis unserer Entscheidungen – in den meisten Fällen bleibt der Hang stabil – speichern wir aber immer als Erfolg, als Bestätigung unserer Erfahrung und unserer intuitiven Entscheidungskompetenz.

Auf den Punkt gebracht: Das Leben eines Tourengehers ist zu kurz, um – aufbauend auf dem eigenen Erfahrungsschatz – zu lernen, wie man das Risiko Schneebrettlawinen auszulösen effektiv minimieren und – und das ist entscheidend – gleichzeitig den Handlungsspielraum möglichst gross halten kann. Denn mein Lernprozess könnte ja auch dazu führen, dass ich den Skitouren-Sport aufgebe, auf Pistentouren umsattle oder nur bei Gefahrenstufe 1 („geringe Lawinengefahr“) losziehe. Diese extremen (und sehr effektiven!) Reaktionen auf die Unsicherheit im freien Skiraum sind nicht Gegenstand dieser Betrachtungen.

Aufgrund dieser Lern-Problematik wird offensichtlich, dass die Ausbildung von individuellen Faustregeln in hohem Masse zufällig und daher unzuverlässig ist. Damit die Intuition ihre Macht ausspielen kann, fehlt die wesentliche Basis – es fehlen Faustregeln mit Qualität. Erst durch die strategische Lawinenkunde wurden solche Regeln in die praktische Lawinenkunde eingebracht. Der Blick weg vom individuellen Erfahrungshorizont hin zur Statistik, zur grossen Zahl von Lawinenereignissen, machte die Muster sichtbar und lieferte die Schlüsselvariablen der strategischen Lawinenkunde: Mit der Gefahrenstufe als Mass für das regionale Gefahrenpotential, mit der Hangneigung als Schlüsselgrösse. Hangrichtung, die Merkmal verspurt und häufig befahren, Abstände und Gruppengrösse bilden weitere Schlüsselfaktoren zur Risikoreduktion („Reduktionsfaktoren“).

Seit Munter haben wir Faustregeln von einer völlig anderen Qualität – komprimiert dargestellt in der Elementarten Reduktionsmethode: Bei Gefahrenstufe 2 bleiben wir unter 40°, bei 3 unter 35°, bei Stufe 4 unter 30°.

Regelbasiertes Entscheiden ist der intuitiven, situativen Methode nachweislich überlegen (– wohlgemerkt im Feld Lawinen; in anderen Entscheidungssituationen kann das völlig anders sein). Einige Gründe, warum das so ist, wurden oben bereits genannt. Noch ein Grund sei hier genannt: Unsere Intuition unterliegt vielen Einflüssen und ist sehr leicht manipulierbar. Ein ungutes Bauchgefühl kann auf schlechten Schlaf, auf eine seelische Verstimmung oder auf Ärger im Beruf beruhen – alles Dinge, die mit der Risikosituation draussen nichts zu tun haben. Noch gefährlicher und auch häufiger sind die Situationen, in denen der Bauch keine Warnung, kein „Stop“ an das Grosshirn meldet und damit ein „Go“ nahelegt. Vielleicht deshalb, weil ein herrlicher Tag Tiefschnee verspricht, alle gut drauf – geradezu euphorisch – sind und zudem sehr gute Skifahrer (damit fällt die natürliche Angst vor Steilhängen als Reduktionsfaktor weg). Zudem fällt es einem Experten nicht allzu schwer, sich ein warnendes Bauchgefühl schön zu reden. In einem derart komplexen und intransparenten System, wie es die Schneedecke im Steilhang darstellt, lassen sich immer Argumente finden, warum der Gipfelhang plötzlich doch „sicher“ ist …

Ist Intuition damit wertlos oder sogar gefährlich und kontraproduktiv?

Ja. Ja, wenn sie als angeborene Fähigkeit verstanden wird oder ausschliesslich auf individueller Erfahrung gründet. Wertvoll ist sie dann, wenn ein regelbasiertes System durch laufende Übung so verinnerlicht wurde, dass ein „Stop“ nicht mehr das Ergebnis eines bewussten und strukturierten Denkprozesses ist, sondern das Ergebnis eines unbewussten und daher wesentlich schnelleren Entscheidungsprozesses. Erstrebenswert ist diese Kompetenzstufe allemal, sie ist allerdings das Ergebnis eines Lernprozesses, der zumeist über die Stufen unbewusst-inkompetent, bewusst-inkompetent, bewusst-kompetent zu unbewusst-kompetent führt. In der letzten Phase kommt die Intuition ihre Chance, indem unbewusste Entscheidungen von hoher Qualität durch verinnerlichtes Regelwissen möglich werden. Munter nannte das „Blitzentscheidungen“.

Damit erhält die Intuition zum ersten Mal ein sachliches Fundament und wird zu einer seriösen Entscheidungsinstanz. Diese Art von Intuition setzt allerdings voraus, dass der Entscheidungsbaum, das Regelwerk, verinnerlicht wurde. Das gelingt durch Üben im Kontext von Ausbildungskursen. Zunächst wird das Regelwerk konsequent, Schritt für Schritt, abgearbeitet – bis zur Entscheidung. Das Ziel dieses manchmal umständlich wahrgenommenen Prozesses ist die Verinnerlichung. Intuitive Entscheidungen sollen dann möglich werden. Im Zweifelsfall bleibt der bewusste Rückgriff auf den „offiziellen“ Entscheidungsweg immer offen. Diesen Weg zu gehen ist immer dann angeraten, wenn wir im Lawinengelände unterwegs sind und der Bauch schweigt.

Wie schätzt Du die Wirkung der etablierten Präventionstools wie auch der zunehmend verbreiteten Sicherheitsausrüstungen (Lawinenairbags) mit Blick auf die Ausbildung einer kritischen Urteilskraft bei den Winterbergsportlern ein – anders formuliert: wie wirken sich die als objektiv deklarierten Präventionsstrategien und die Sicherheitsversprechen der Ausrüstungsindustrie auf das Verantwortungsbewusstsein und die Selbsteinschätzung der Winterbergsportler aus?

Was die Selbsteinschätzung betrifft, so ist der wichtigste Schritt, anzuerkennen, dass uns Menschen beim Erkennen der Lawinengefahr sehr enge Grenzen gesetzt sind. Bescheidenheit und Demut sind angesagt. Diese Einsicht sollte die Bereitschaft fördern, auf Regeln basierende Entscheidungen anzunehmen und diesen den Vorrang gegenüber der situativen Entscheidung zu geben. Davon sind wir heute weit entfernt. Der Prozentsatz der ambitionierten Tourengeher und Experten, die regelbasiert entscheiden, ist sehr gering. Was wir laufend erleben – an der Front der intuitiven Entscheider – ist krasse Selbstüberschätzung und Fehleinschätzung mit tödlichen Folgen. Lawinenexperten heute sollten sich – so Munter – nicht mehr als Garanten für Sicherheit sehen, sondern als Garanten für die Einhaltung von Sicherheitsstandards. Das bedeutet im Klartext regelbasiert zu entscheiden und Standardmassnahmen konsequent umsetzen. Das Recht, Regeln zu „brechen“, sei dem Experten zugestanden. „Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst“ – Die Empfehlung des Dalai Lama lässt sich auf unser Thema perfekt anwenden: Wenn wir unsere Regeln brechen, dann „richtig“, auf Fakten beruhend: z.B. der Hang ist stark verspurt, die Hangdimension ist zu gering, wir sind eindeutig in der begünstigten Exposition, der Hang wird laufend befahren u.a.m.

Einen Fortschritt im Verantwortungsbewusstsein der Tourengeher erkenne ich heute an zwei Phänomenen: Im Bereich Notfallausrüstung werden die Empfehlungen (LVS, Schaufel, Sonde) inzwischen von der Mehrheit umgesetzt. Auch steigt die Bereitschaft, für den Sport abseits gesicherter Pisten eine Ausbildung zu absolvieren. Besonders bei den Jungen und bei Frauen ist diese Bereitschaft sehr hoch.

Die Sicherheitsversprechen der Ausrüstungsindustrie sehe ich im Skitourensport nur in ganz wenigen Einzelfällen als unseriös. Sehr ernst nehme ich allerdings das Phänomen der Risikokompensation, wenn durch Sicherheitsausrüstung (im Alpenverein sprechen wir von Notfallausrüstung) die Risikobereitschaft steigt und der Sicherheitsgewinn dadurch wieder verspielt wird. Doch letztlich wäre es falsch und fortschrittshemmend, dieses Argument zur Ablehnung von nachweislich effektiven Rettungsgeräten – wie z.B. den Lawinen-Airbag – zu verwenden.

Welche Kompetenzen sollte ein Winterbergsportler im freien Gelände mitbringen, die über die Anwendung standardisierter Risikomanagement-Tools hinausgehen – und wie lassen sich diese ggf. schulen?

Kompetenzen, die über die Anwendung standardisierter Risikomanagement-Tools hinausgehen? Welche Tools sind da gemeint? Wenn ich an Stop or Go denke, dann fällt mir sehr wenig ein, was darüber hinaus notwendig ist. Check 1 bietet mit einer sehr mächtigen Faustformel (elementare Reduktionsmethode) die Basis. Check 2 beinhaltet die wichtigsten Gefahrenzeichen und nimmt damit viel klassisches Know how mit herein: Neuschnee? Frischer Triebschnee? Frische Lawinen? Setzungsgeräusche? Starke Durchfeuchtung? – diese Fragen entsprechen fast hundertprozentig den heute international gängigen „Gefahrenmustern“ (Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee, Gleitschnee). Die Standardmassnahmen (SOPs) wiederum bilden ein stabilisierendes, risikoverringerndes Netz – ohne wesentliche Einschränkung von Spass und Komfort.

Die grössten Herausforderungen in der praktischen Lawinenkunde heute – auch für Stop or Go – sehe ich in den Bereichen Pädagogik-Didaktik und Kommunikation: Wie erreichen wir welche Zielgruppen? Wie können wir sicherheitsrelevantes Handeln so vermitteln, dass es nachhaltig wirkt, dass es verstanden, angenommen und umgesetzt wird. Ich denke, wir sind mit unseren derzeitigen Konzepten zu bieder, zu brav, wir heben zu sehr den Zeigefinger und bauen einzig auf seriöse Information und professionelle Unterweisung.

Aus dem Handlungs- und Entscheidungskonzept Stop or Go müssen wir noch wesentlich klarer die Inhalte und Lernziele für verschiedene Ausbildungslevel – Einsteiger, Fortgeschrittene, Experten – herausarbeiten. Auch die Liste der Go-Faktoren, Fakten, die einen Regelbruch rechtfertigen, kann erweitert werden. So liesse sich u.U. auch die Akzeptanz für Experten steigern. Die grösste Herausforderung allerdings bleibt die Überzeugungsarbeit, Entscheidungen im freien Skiraum regelbasiert zu treffen.

Die Fragen zum «Dossier Risiko Interview Michael Larcher» stellte Jens Badura im Februar 2016.