Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll und Symon Welfringer gelingt Erstbegehung der Westwand des Tahu Rutum
Neue 1.500-Meter-Route „The Leopard of Higher Ground“ an abgelegenem 6.651-Meter-Gipfel im Karakorum frei geklettert.
Die belgischen Kletterer Sean Villanueva O’Driscoll und Siebe Vanhee haben gemeinsam mit dem französischen Alpinisten Symon Welfringer erstmals die Westwand des Tahu Rutum durchstiegen, eines abgelegenen 6.651 Meter hohen Gipfels im pakistanischen Karakorum.
Ihre neue Route „The Leopard of Higher Ground“ führt über 1.500 Meter durch die zuvor unbegangene Westwand. Über eine Reihe steiler Schneetraversen verbindet sie die untere Felswand mit dem Hauptgipfelaufbau.
Das Team verbrachte 13 Tage in der Wand und kombinierte anspruchsvolles Bigwall-Klettern im Kapselstil mit alpinen Techniken. Portaledges, Statikseile und Vorräte mussten durch komplexes Fels-, Schnee- und Mixed-Gelände transportiert werden. Sämtliche Seillängen der Route wurden frei geklettert.
Der Tahu Rutum – in der lokalen Sprache auch Taa Hurutum genannt – erhebt sich über den Gletschern nahe der Hispar-Region in Pakistan. Mit seiner markanten, an Patagonien erinnernden Silhouette zählt der Berg zu den eindrucksvollsten und zugleich schwer zugänglichen Zielen im Karakorum. Vor dieser Begehung war sein Gipfel erst einmal erreicht worden: 1977 gelang einer japanischen Expedition der Aufstieg über den Südwestgrat.
Für Vanhee begann die Geschichte der Westwand bereits 2014, als er den 2016 in Pakistan verschollenen amerikanischen Alpinisten Kyle Dempster kennenlernte. Dempster hatte 2008 versucht, die Westwand des Tahu Rutum im Alleingang zu durchsteigen. Während dieses außergewöhnlichen Versuchs verbrachte er 23 Tage in der Wand und kam bis auf rund 200 Meter an den Gipfel heran, bevor er umkehren musste.
Seit Vanhee von Dempsters Geschichte erfahren hatte, ließ ihn der Berg nicht mehr los.

Im Mai 2026 stellte Vanhee ein Team mit einem breiten Spektrum an Fähigkeiten zusammen: den französischen Alpinisten Symon Welfringer, den britischen Trad-Kletterer Pete Whittaker sowie die belgischen Bigwall-Kletterer Sean Villanueva O’Driscoll und Siebe Vanhee. Am 25. Mai brachen die vier Kletterer von Europa zu einer 45-tägigen Expedition auf.
Im Basislager erkrankte Whittaker jedoch an der Höhenkrankheit und musste die Expedition abbrechen und nach Hause zurückkehren. Vanhee, Villanueva O’Driscoll und Welfringer setzten die Expedition zu dritt fort.
Am 15. Juni stiegen sie in die Wand ein. Statt dem naheliegenden Gletscherzustieg von links zu folgen, der direkt zur Hauptwand führt, entschieden sie sich für die untere Felswand auf der rechten Seite. Von dort wollten sie über Schneehänge zum Hauptgipfelaufbau gelangen.
Damit legten sie sich auf eine komplexe und kräftezehrende Linie fest: zunächst acht Seillängen in brüchigem Fels, anschließend steile Schneetraversen und schwieriges Gelände für den Materialtransport – noch bevor sie den Fuß der eigentlichen Hauptwand erreichten.
„Wir haben die absurdeste Linie gewählt – keine, die irgendein Alpinist nehmen würde“, sagt Siebe Vanhee. „Wir sind sie im Bigwall-Stil angegangen, was unglaublich viel Arbeit und Energie gekostet hat. Ich habe ein paar Mal geflucht: Warum schleppen wir zehn Tage lang unser Zeug durch solches Gelände? Aber genau das ist es, was wir machen. Es ist die Linie von Bigwall-Kletterern in großer Höhe – und es war die Mühe wert.“
Da das Team die gesamte Wand frei klettern wollte, entschieden sich die drei für eine Kapselstrategie. Sie nahmen Portaledges sowie ausreichend Nahrung, Brennstoff und Ausrüstung für bis zu 15 Tage in der Wand mit. So konnten sie auch bei instabilem Wetter in der Wand bleiben und den Aufstieg fortsetzen, sobald sich die Wetterprognose verbesserte.

„Die wilden Berge Pakistans sind mir nicht fremd, ich war bereits auf mehreren Expeditionen dort“, sagt Symon Welfringer. „Aber es war das erste Mal, dass ich Bigwall-Klettern an einem Berg in großer Höhe erlebt habe. Zu sehen, wie wir alpines Gelände und felsiges Bigwall-Klettern miteinander verbinden konnten, war eine sehr bereichernde Erfahrung.“
„Alles in allem glaube ich, dass unsere Strategie für diese Route die beste war. So konnten wir zwei Wetterfenster optimal nutzen, zwischen denen ein heftiger dreitägiger Schneesturm lag. Dank des Kapselstils konnten wir in der Wand bleiben und unseren Versuch fortsetzen. Diese Erfahrung hat mir die Augen für einen neuen Kletterstil in großer Höhe geöffnet, und ich glaube, die Möglichkeiten sind grenzenlos. Ich träume bereits von weiteren neuen Linien mit großartiger Freikletterei.“
Am elften Tag richtete das Team sein viertes Portaledge-Camp am Fuß der Hauptwand auf 6.260 Metern ein. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits mehr als eineinhalb Wochen anspruchsvolles Klettern, Materialtransport und exponiertes Gelände hinter ihnen. Der steilste und technisch schwierigste Teil der Route stand ihnen jedoch noch bevor.
Am zwölften Tag fixierten sie ihr 400 Meter Statikseil und kletterten den anspruchsvollsten Abschnitt der Route: steiles, überhängendes Gelände oberhalb von 6.000 Metern mit Freikletterpassagen bis zum Schwierigkeitsgrad 7b. Für das Team wurde dieser Abschnitt zum Höhepunkt der Expedition.
Am folgenden Morgen waren die drei erschöpft und seit sieben Tagen ohne Ruhetag unterwegs. Das Wetter blieb jedoch stabil genug für einen Gipfelversuch.
Am 27. Juni kletterten Vanhee, Villanueva O’Driscoll und Welfringer zurück zu ihrem bisherigen höchsten Punkt und setzten von dort den Aufstieg fort. Bei klarem Wetter erreichten sie schließlich den höchsten Punkt des Tahu Rutum mit weitem Blick über die umliegenden Gipfel des Karakorum.
Einer der dramatischsten Momente der Expedition ereignete sich beim Materialtransport durch schwieriges Gelände, als ein Packsack hängen blieb und Vanhee sich abseilte, um ihn zu befreien.
„Einer der aufregendsten Momente der gesamten Expedition war, als Symon das Material durch schwieriges Gelände nach oben zog und der Packsack hängen blieb“, sagt Sean Villanueva O’Driscoll. „Siebe ließ sich hinunter, um ihn zu befreien. Plötzlich wurde das Zugseil an einer scharfen Kante durchtrennt. Wir sahen uns alle ungläubig an – irgendwie hatte Siebe es geschafft, das Seil zu erwischen, bevor es abstürzte. Wäre der Packsack gefallen, wäre unsere Besteigung vorbei gewesen, denn darin befand sich eine Menge wichtiger Ausrüstung.“
Der Name „The Leopard of Higher Ground“ würdigt sowohl den Berg als auch das Vermächtnis von Kyle Dempster. In der lokalen Sprache bedeutet Taa Hurutum „Heimat des Schneeleoparden“. Higher Ground Coffee wiederum hieß das Café, das Dempster in Salt Lake City betrieb.
Während des Aufstiegs kreuzte die neue Route die Linie von Dempsters Solo-Versuch aus dem Jahr 2008. Dabei fand das Team drei seiner alten Standplätze beziehungsweise Sicherungspunkte in der Wand.
Nach Kenntnis des Teams ist dies erst die zweite Besteigung des Tahu Rutum und die erste Begehung seiner Westwand. Zugleich ist es die erste Besteigung des Berges seit 1977.


Die Besteigung im Überblick
Berg: Tahu Rutum / Taa Hurutum
Höhe: 6.651 m
Lage: Karakorum, Pakistan, nahe dem Hispar-Gletscher
Route: The Leopard of Higher Ground
Wand: Westwand
Routenlänge: 1.500 m
Kletterer: Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll, Symon Welfringer
Gipfeltag: 27. Juni 2026
Zeit in der Wand: 13 Tage
Stil: Bigwall-Begehung im Kapselstil in großer Höhe
Freikletterei: Team Free Ascent – sämtliche Seillängen frei geklettert
Maximale Schwierigkeit: 7b
Höchstes Camp: Viertes Portaledge-Camp auf 6.260 m
Bisherige bekannte Besteigung: Japanische Expedition, 1977, über den Südwestgrat
Früherer Versuch an der Westwand: Kyle Dempster, solo, 2008
Über die Kletterer
Siebe Vanhee ist ein belgischer Bigwall-Freikletterer, der für technisch anspruchsvolle und abenteuerliche Begehungen an einigen der schwierigsten Wände der Welt bekannt ist. Sein Kletterstil verbindet Freiklettern auf hohem Niveau mit der Ausdauer und Geduld, die lange Bigwall-Expeditionen erfordern.
2024 gehörte er zu dem Team, dem die erste freie Teambegehung von „Riders on the Storm“ am Torre Central in Torres del Paine, Patagonien, gelang – einer der bekanntesten alpinen Bigwall-Routen der Welt. Er war außerdem an der ersten freien Begehung von „El Regalo de Mwono“ am selben Berg beteiligt und hat anspruchsvolle europäische Mehrseillängenrouten geklettert, darunter eine seltene freie Eintagesbegehung von „Orbayu“ (8c/500 m) am Picu Urriellu in Spanien.
Sean Villanueva O’Driscoll ist ein belgischer Kletterer, Alpinist und Musiker. Bekannt ist er insbesondere für seinen eigenständigen Zugang zum Bigwall-Klettern, Expeditionen in abgelegene Regionen und explorativen Alpinismus.
Er wurde zweimal mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet: für die Greenland Big Walls Expedition 2010 und für seine außergewöhnliche Moonwalk Traverse des Fitz-Roy-Massivs in Patagonien – eine Solo-Überschreitung des Massivs von Süden nach Norden.
Seit Jahrzehnten eröffnet Villanueva O’Driscoll anspruchsvolle Freikletterrouten an wilden und abgelegenen Orten auf der ganzen Welt. Dabei verbindet er ernsthaften Alpinismus mit Musik, Humor und einem sehr persönlichen Verständnis von Abenteuer.
Symon Welfringer ist ein französischer Alpinist und Kletterer mit umfangreicher Erfahrung an technisch anspruchsvollen alpinen Zielen und in großer Höhe, insbesondere im pakistanischen Karakorum.
2020 gelang ihm gemeinsam mit Pierrick Fine die Erstbegehung der Südwand des Sani Pakkush über die Route „Revers Gagnant“. Die Begehung im Alpinstil wurde 2021 mit einem Piolet d’Or ausgezeichnet.
Darüber hinaus war Welfringer an Erkundungsexpeditionen in wenig bekannte Regionen Pakistans beteiligt, darunter die Erstbesteigung des Risht Peak im Yarkhun Valley. Seine Erfahrung umfasst anspruchsvolles Felsklettern, Mixed-Klettern und modernen explorativen Alpinismus.
Quelle Bilder: ©Siebe Vanhee, ©Symon Welfringer und ©Patagonia



