Erlebnisbericht: Sunstar Lenzerheide

Eigentlich wollte ich einfach hinterherfahren

Ein Ladies Gravel Camp in Lenzerheide, drei Tage geführte Touren und für einmal keine eigene Routenplanung. Das war der Plan. Eine Woche vor der Anreise wurde das Camp abgesagt. Ich fuhr trotzdem – und testete dabei nicht nur die Schotterwege rund um Lenzerheide, sondern auch, wie gut das Sunstar Lenzerheide Hotel als Basis für ein selbstorganisiertes Gravel-Wochenende taugt.

Das Camp fällt aus. Das Wochenende nicht.

Eine Woche vor meiner Reise nach Lenzerheide kommt die Nachricht: Das Ladies Gravel Camp findet nicht statt. Zu wenige Anmeldungen, ergo: keine geführten Touren und niemand, dessen Hinterrad ich einfach folgen kann. Und ausgerechnet darauf hatte ich mich gefreut. Für einmal nicht selber planen, Tracks vergleichen und darüber rätseln, ob die dünne Linie auf der Karte draussen tatsächlich fahrbar ist. Das Hotelzimmer bleibt, das Gravelbike auch. Ich fahre trotzdem.

Ich checke ein und eine halbe Stunde später sitze ich mit Nico Röthlisberger auf der Terrasse des Hotels Sunstar Lenzerheide. Er fährt seit acht Jahren Gravel. Wald, Feldwege, weg von der Strasse – dort ist er gern unterwegs. Gleichzeitig beobachtet er, wie sich die Velowelt verändert. Rennvelofahrende weichen dem zunehmenden Strassenverkehr aus, Mountainbiker entdecken leichtere Räder für weniger technische Strecken, die Hersteller werfen ein Gravelmodell nach dem anderen auf den Markt.

Für das Sunstar Lenzerheide ist die Entwicklung interessant: Im Sommer sind die Hotelbetten schwieriger zu füllen als im Winter. Gravel könnte eine zusätzliche Zielgruppe bringen. Nur steht da schon eine ziemlich starke Marke im Weg. Oder besser: auf dem Trail. Lenzerheide ist Bike Kingdom. Mountainbike ist hier sichtbar, ausgeschildert, etabliert. Gravel dagegen befindet sich noch im Entwicklungsmodus. Wie sehr, merke ich ein paar Stunden später.

Gravel mieten, Track importieren, losfahren

Zuerst gehen Nico und ich zu Activ Sport Baselgia, dem Bikepartner des Hotels. Wer im Sunstar Lenzerheide übernachtet, erhält dort 20 Prozent Rabatt auf die Miete. Ich übernehme mein Gravelbike, suche mir über die Apps von Arosa Lenzerheide und Bike Kingdom eine Tour zur Hängebrücke im Val Meltger, lade den GPX-Track herunter und importiere ihn in SchweizMobil. Kurz vor 16 Uhr fahre ich los. Es ist noch immer kochend heiss. Die ersten Kilometer sind genau das, was ich mir unter Gravel in den Bergen vorgestellt habe: Wald, Schotter, Wiesen, verspielte Passagen, zwischendurch etwas Technik auf verwurzelten Wanderwegen. Und dann endet der Weg. Zumindest in der Realität. Auf meinem Handy führt der Track weiter. Vor mir liegt eine Wiese ohne erkennbare Spur. Ein Bauer ist am Emden. Ich halte an und frage, ob ich wohl falsch sei. «Nein», sagt er. «Einfach über die Wiese weiter. Irgendwann sieht man den Weg dann wieder.» Ja dann … Und tatsächlich: Irgendwann ist er wieder da, der Weg. Solche Momente erzählen etwas über den aktuellen Stand des Gravelns in Lenzerheide. Tourenvorschläge und GPX-Tracks gibt es. Wer Mountainbike fährt, findet allerdings deutlich mehr Orientierung. Gravel verlangt bisweilen noch Lust am selbst Planen und einen Bauern in Sichtweite. Das Queren der Hängebrücke im Val Meltger ist übrigens grossartig und in diesem Sommer bedrückend zugleich. Der Bach führt keinen Tropfen Wasser. Auf dem Rückweg komme ich am Restaurant Guarda Val vorbei. Das sieht lauschig aus. Bloss einkehren kann ich nicht. Die Uhr tickt, mein Magen knurrt und ich habe um 19 Uhr im Sunstar Lenzerheide einen Tisch reserviert.

Gastfreundschaft kommt manchmal mit Lieblingsrunde

Zurück im Hotel verschwindet das Velo im Veloraum. Werkstatt und Waschplatz sind vorhanden, dreckige Sportkleidung kann der Wäscheservice übernehmen. Meine verschwitzten Sachen landen fürs Erste zum Auslüften auf dem grosszügigen und gedeckten Balkon meines Zimmers. Ich wohne in der obersten Etage. Beim Eintreten möchte ich meine Reisetasche eigentlich nirgends hinstellen, weil ich das sorgfältig komponierte Interieur nicht zerstören will. Viel Holz, gedeckte Farben, alles an seinem Platz. Es riecht nach Behaglichkeit. Teppichböden dämpfen die Geräusche auf dem Gang.

Trotzdem wirkt das Haus nicht so herausgeputzt, dass ich mich mit Velokleidern und Helm unter dem Arm fehl am Platz fühle. Für ein Hotel, das sportliche Gäste ansprechen will, ist das nicht ganz unwesentlich.

Zum Znacht bestelle ich einen Burger mit Angus-Rind. Ein Genuss! Danach sitze ich mit einem Braulio auf der Terrasse, schaue in den Abendhimmel, hänge meinen Gedanken nach, bis Nico wieder auftaucht. Diesmal setzt er sich zu mir, öffnet die digitale Karte und zeigt mir eine seiner Lieblingsrunden, hinauf zum Churer Joch. Er erklärt, wie ich sie noch etwas verlängern könnte, und fährt mit dem Finger über Wege und Abzweigungen. Einen Guide, der vorausfährt, habe ich zwar nicht. Dafür sitzt neben mir einer, der die Gegend kennt und selber fährt. Und für die nächste Saison entwickelt das Hotel voraussichtlich eigene Gravel-Hausrunden, damit auch Gäste ohne Guide startklar sind. Sein Rat bestätigt, was ich bei meiner ersten Tour bereits gemerkt habe. Wer hier Gravelrouten zusammenstellt, kombiniert Bike- und Velowege mit geeigneten Wald- und Forststrassen. Apps helfen. Aber Regionalwissen hilft mehr. Genau das fehlt einem Gast naturgemäss. Am nächsten Morgen fahre ich deshalb nicht nach App, sondern nach Nico.

Grauer Himmel, vier Himmelsrichtungen und ein Aprikosenkuchen

Der Samstag beginnt grau. Es nieselt leicht. Mir kommt das entgegen. Ich mag diesen lebendigen Himmel, wenn der Wind die Wolken in alle Richtungen schiebt. Gegen zehn Uhr fahre ich los Richtung Churer Joch. Die Strecke ist einfacher als jene vom Vortag. Asphalt und Schotter wechseln sich ab, ich muss nicht dauernd aufs Handy schauen. Ein paar letzte Meter, ganz nach oben.

Dann öffnet sich der Blick in alle vier Himmelsrichtungen, in Berge, Täler, Wolken. Ich bleibe eine Weile. Später kehre ich in der Jochalp ein und geniesse einen spektakulären Aprikosenkuchen. Um mich herum stehen Zweiräder. Ich bin die Einzige mit dem Gravelbike. Und die Einzige ohne motorisiertes Velo. Am Vortag wars noch Anlass für ein anerkennendes «Respekt», heute fällt mein Rad zwischen all den E-Bikes fast ein bisschen aus der Zeit.

Weiter gehts nach Churwalden hinunter, auf der gegenüberliegenden Talseite wieder hoch, zurück nach Lenzerheide. Rund 28 Kilometer und knapp 1000 Höhenmeter kommen an diesem Tag zusammen. Wichtiger als die Zahlen: Ich musste unterwegs kein einziges Mal einen Bauern fragen, wo der Weg geblieben ist.

Ein Sporthotel und seine Nachhaltigkeit

Drei Tage reichen, um zu merken, dass das Sunstar Lenzerheide ziemlich gut versteht, was Menschen brauchen, die tagsüber lieber draussen als im Hotel sind. Das Velo hat seinen Platz, Werkzeug ist vorhanden, Kleider dürfen dreckig werden, beim Frühstück lässt sich genügend Energie für ein paar Höhenmeter tanken. Dabei fällt mir am Buffet etwas auf: Es ist gut bestückt, aber nie überfüllt. Es wird nachgelegt, ohne Lebensmittelberge aufzutürmen, die vor allem eines signalisieren sollen: Schaut, wie viel wir haben.

Food Waste gehört zu den Themen, mit denen sich die Sunstar-Gruppe beschäftigt. Hier wirkt das nicht wie ein Absatz aus einem Nachhaltigkeitsbericht, sondern zeigt sich im Kleinen. Die Zimmerreinigung lässt sich abbestellen. Warum sollten nach einer Nacht bereits wieder sämtliche Duschtücher gewechselt werden? Die Pflegeprodukte im Bad kommen ohne Parade kleiner Einwegfläschchen aus. Und bei den Badeschlappen weist das Hotel darauf hin, dass ein eigenes, wiederverwendbares Paar die bessere Investition wäre.

Dann gibt es Dinge, bei denen ich ausgesprochen gerne verschwenderisch bin: Kaffee und sämtliche Getränke aus der Minibar sind im Zimmerpreis enthalten. Nach der Samstagsrunde besuche ich den Wellnessbereich. Er ist durchwegs wellnessig. Sauna, Dampfbad, Infrarotsauna, ein recht grosszügiges Schwimmbecken und ein heller Ruheraum mit viel Glas. Nichts überrascht mich. Nach knapp 1000 Höhenmetern muss es das auch nicht. Meine Beine sind zufrieden.

Gravel braucht Wege. Und Leute, die sie kennen.

Die eigentliche Frage dieses Wochenendes stellt sich erst jetzt: Wie gravel-tauglich ist das Sunstar Lenzerheide? Bei der Infrastruktur gibt es wenig zu mäkeln. Auch die Zusammenarbeit mit dem Bikepartner funktioniert. Der nächste Schritt ist bereits in Arbeit: Das Sunstar Lenzerheide entwickelt eigene Gravel-Hausrunden, die Gäste direkt vom Hotel aus starten können. Jede Runde kommt mit GPX-Track und Hinweisen zu Untergrund, Höhenmetern und Schwierigkeitsgrad. Aufbereitet werden sie für die nächste Saison.

Das Wissen dafür ist vorhanden. Dass die Hausrunden mit Sorgfalt statt mit Tempo entstehen, hat einen Grund. Gravelnde bewegen sich bevorzugt auf Wald- und Forstwegen – also dort, wo auch Wandernde und Spaziergänger unterwegs sind. Lenzerheide hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, Mountainbike und Wandern zu entflechten. Eine weitere Velodisziplin einfach auf dieselben Wege loszulassen, würde neue Konflikte schaffen. Gravel soll deshalb behutsam wachsen.

Das Ladies Gravel Camp will der Hoteldirektor nach dem missglückten Start weiterentwickeln. Er weiss, dass sich eine neue Zielgruppe nicht in einer Saison etablieren lässt. Vielleicht wird das Angebot künftig auch nicht mehr ausschliesslich Frauen ansprechen. Ich wäre jedenfalls nochmals dabei – unter einer Bedingung: Ich würde wirklich gerne einfach hinterherfahren, damit ich die Natur noch etwas mehr geniessen kann.

Fazit: Das Sunstar Lenzerheide kann Gravel – auch ohne Camp

Das geplante Ladies Gravel Camp fand 2026 nicht statt. Für meinen Test war das beinahe ein Glücksfall. Denn so zeigte sich, was vom Gravel-Angebot übrig bleibt, wenn Guide, Gruppe und fixes Programm wegfallen. Und das ist hier eine ganze Menge: Das Sunstar Lenzerheide bietet eine durchdachte Velo-Infrastruktur, arbeitet mit einem kompetenten Bikepartner zusammen, kennt die Bedürfnisse sportlicher Gäste und schafft den Spagat zwischen gepflegtem Hotel und einem Ort, an dem niemand schief schaut, wenn man mit müden Beinen und Velokleidern durch die Lobby geht.

Nachhaltigkeit begegnet einem im Alltag, nicht nur in Schönschrift auf der Website. Nach der Tour warten gutes Essen, Wellness und ein Zimmer, in dem höchstens die eigene Reisetasche die Optik stört. Der stärkste Trumpf steht allerdings in keinem Leistungskatalog: Menschen, die ihre Region kennen. Dass sich Nico Röthlisberger abends zu mir setzt und mir auf der Karte seine Lieblingsrunde zeigt, bleibt mir stärker in Erinnerung als jeder GPX-Download. Die passenden GPX-Tracks folgen: Die Hausrunden des Sunstar Lenzerheide werden für die nächste Saison aufbereitet.

Hilfreich für die Tourenplanung:

Website: www.lenzerheide.sunstar.ch

Website Arosa Lenzerheide

Website Bike Kingdom

Komoot

Quelle Bilder: ©Sunstar Lenzerheide, ©Bike Kingdom und ©ich-liebe-berge.ch

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