Dossier Risiko Interview Florian Schranz

Florian Schranz, bekannter Alpinist, Bergführer und Autor des Buchs BergSein haben wir zum Thema Risiko einige Fragen gestellt.

Häufig wird in der Debatte zu den Risiken des Winterbergsports – hier bezogen auf den Bereich Lawinenprävention – ein systematisches, objektives Risikomanagement wie die Reduktionsmethode oder „Stop or Go“ gegen ein intuitives, vor allem auf Erfahrenheit und situativer Beurteilung fussendes Vorgehen (Stichwort: “Bauchgefühl“) gestellt. In welchen Hinsichten macht nach Deiner Einschätzung eine solche klare Frontstellung Sinn, in welchen wäre sie zu differenzieren bzw. zu problematisieren?

Der lawinenträchtige Winter 2014/15 mit seinen vielen Unfällen und Toten zeigte ein Mal mehr wie schwierig es ist, trotz intensiven Bemühens der Lawinenwarndienste, heimtückische Situationen in Zahlen auszudrücken. Je labiler die Schneedecke, je kleinräumiger und unregelmässiger schwache und stabile Schichten verteilt sind, umso schwieriger bis unmöglich wird es, solche Situationen mit unseren herkömmlichen Methoden objektiv einzuschätzen. Gerade der Valluga-Unfall 2015 hat ein weiteres Mal sehr anschaulich gezeigt, auf welch dünnem Eis wir uns bewegen, wenn wir uns bei dermassen kritischen Verhältnissen auf Zahlengrössen verlassen. Der LLB-Vorarlberg meldete am Unfalltag Gefahrenstufe 3, der LLB-Tirol zum ersten Mal seit längerer Zeit Gefahrenstufe 2 um einen Tag nach dem Unfall wieder auf Gefahrenstufe 3 zu gehen.

Dieses „Switchen“ mit den Gefahrenstufen bei kritischen Verhältnissen und nach Unfällen ist bekannt, und angesichts der Komplexität der Materie absolut legitim. Es zeigt aber auch ganz deutlich die Problematik, empirisch erhobene Zahlengrössen – als „abgesicherte“ Grundlage für eine Einzelhangbeurteilung – zu vertrauen.

Betrachtet man ähnliche Unfälle wie zum Beispiel Kitzsteinhorn, Riffelsee und andere Ereignisse, bei denen erfahrene Bergführer mit verheerenden Folgen in die „Falle“ unserer anerkannten Lehrmeinung getappt sind, so muss mit aufkommender Dringlichkeit die Frage erlaubt sein: Was läuft hier falsch?

Vielleicht haben uns fünfundzwanzig Jahre Entscheidungsstrategien blind werden lassen, so dass wir mittlerweile wirklich jeglichen Bezug zur Natur verloren haben. Unsere Lehrmeinung baut auf Statistiken, auf statische Grundlagen, welche dem dynamischen Wesen der Natur wiedersprechen, denn Natur ist Leben, ist Veränderung in jedem Moment.

Wenn ich eine Skitour führe, dann lasse ich mich komplett auf das Fühlen, Spüren und Wahrnehmen ein. Strategische Lawinenkunde ist eine Auffangnetz mit sehr groben Maschen. Nur wenn Du das über viele Jahre sehr intensiv lebst wird es feinmaschiger – und dann spürst Du, welche Sachen Du machen kannst und wo Schluss ist. Klar – das ist nicht ganz rational erklärbar und nicht für Leute geeignet, die keine so intensive Beziehung zum Berg haben. Für die haben Entscheidungsstrategien aus dem Risikomanagement sicher ihre Berechtigung. Man sollte da aber auch ehrlich sein und sagen: das ist für Anfänger. Heute aber wird es dogmatisch als die einzige Wahrheit dargestellt. Doch wenn wir nur auf die Zahlen schauen dann versperren sich auch die Profis den Zugang zur Natur – und Tappen in die Falle der rationalistischen Lehrmeinung. Schaut man sich den Ausbildungsinhalt unserer Berufsausbildung genauer an, so fällt auf, dass wir in dieser hoch qualifizierten und engagierten Ausbildung auf das grundlegendste, historisch begründete Ausbildungsfach, aus dem heraus sich unser Beruf auf ganz natürliche Weise entwickelt hat, vergassen.

Was genau fehlt, wenn alles auf ein Denken in der Logik des Risikomanagements hin ausgerichtet wird?

Es fehlt die „Beziehungslehre“ zu unserem Arbeitsplatz, und daraus ableitend das Lesen des Berges, der Natur. Denn erst ein Bezug, eine Beziehung eröffnet die Möglichkeit des Sehens und des Verstehens. Diesen essenziell wichtigen Zugang versuchen wir durch Information von aussen zu ersetzen. Wir versuchen unsere Bezugslosigkeit mit allerlei technischem Wissen und Geräten zu kompensieren, und obwohl wir dabei offensichtlich und regelmässig Unfälle verursachen, kommt es niemanden in den Sinn, unser gegenwärtiges Tun zu überdenken.

Dieses Bewusstsein scheint auch uns Bergführern abhanden gekommen zu sein, wir degradieren den Berg zum Sportgerät, zur Handelsware. Seit mehr als 25 Jahren wird uns sukzessive eingeredet, diese uns Menschen belebende, bedingungslos gebende Intelligenz nur mehr auf rationaler Ebene wahrnehmen zu dürfen! Wie viele Unfälle, wie viele Tote brauchen wir noch, bis wir erwachen und den Berg, die Natur wieder als das erkennen, was er ist! Es waren Aristokraten und Intellektuelle, die vor Jahrhunderten in unsere Täler kamen, von der Schönheit unserer Bergwelt fasziniert waren und den Wunsch in sich hegten, die unbestiegenen Gipfel zu erobern. Allerdings erkannten sie recht schnell, dass sie Unterstützung brauchten, und diese nur von einheimischen, meist jungen Männern kommen konnte. Menschen, die die Bergwelt und die Natur von klein auf kannten, mit ihr arbeiteten. Genau diese Männer wurden engagiert. Da die Gipfel unbestiegen waren, gab es nur spärliche oder gar keine Informationen über den zu besteigenden Berg, den Anstieg und die zu erwartende Schwierigkeiten. Weder eine Routenbeschreibung noch ein Handy, keine Apps, kein Hubschrauber, keine Seilbahn, rein gar nichts war zur Unterstützung vorhanden. In solch einer Situation und auf Grund dieser Voraussetzungen war es für die „Herrschaften“ von grösster Bedeutung sich mit Menschen zusammen zu schliessen, die über einen natürlichen und angeborenen Instinkt verfügten, die es verstanden den Berg mit all seinen Gefahren zu lesen.

Schaut man sich z.B. den Ausbildungsinhalt der aktuellen Bergführerausbildung genauer an, so fällt auf, dass wir in dieser hoch qualifizierten und engagierten Ausbildung auf das grundlegendste, historisch begründete Ausbildungsfach, aus dem heraus sich unser Beruf auf ganz natürliche Weise entwickelt hat, vergassen: eben jene „Beziehungslehre“ zum Berg und zur Natur und das Vermögen, sie zu lesen.

Aus diesem Grund möchte ich einladen, Experten-Tools einmal kurz beiseite zu legen und sich die Zeit zu nehmen einen einzigen Grashalm zu betrachten, einen einfachen Grashalm. Wer sich die Mühe macht, diese für unseren Verstand nicht erfassbare Intelligenz, Kraft und Energie zu erahnen, die Intelligenz einer Blumenwiese zu erfühlen, dem eröffnet sich ein Zugang getragen von Respekt und Achtung, von Mitgefühl und Liebe.

Einzig diese zutiefst menschlichen Attribute ermöglichen uns ein Verstehen, ein inspirierendes Interagieren. Wenn wir „Natur-Intelligenz“ als ein uns ebenbürtiges Gegenüber erkennen, können wir kommunizieren. Und auch wenn dieses Kommunizieren unserer rationalen Wahrnehmung sehr subtil erscheinen mag, so sind diese feinen Impulse in der Umsetzung doch sehr konkret.

Und das Erfreuliche daran ist, wir müssen diese Beziehung nicht erst an einer Universität erlernen, nicht erst lange suchen, nein, wir müssen nur endlich wieder hinschauen, und es einfach zulassen!

In meinem Buch „Berg-Sein“ beschreibe ich zentrale Stationen meines Lebensweges, die mich zu dieser inneren Haltung geführt haben. In grossformatigen Fotos, Zitaten weiser Persönlichkeiten und meinen eigenen Texten versuche ich zu zeigen, wie aus einem leistungsorientierten, ehrgeizigen Spitzensportler nun ein Mensch geworden ist, der heute vor allem seiner Intuition folgt. Mir geht es um den Respekt vor dem Wesen „Berg“. Ich gebe in meinem Buch einen möglichen, natürlichen und praxisbezogenen Leitfaden für eine ganzheitliche Beurteilung der Lawinengefahr an die Hand. Und anhand von persönlichen Erlebnissen beim Führen zeige ich, wie oft mir die Natur mit ihren – nicht wissenschaftlich nachprüfbaren – Informationen schon das Leben gerettet hat.

Die Fragen zum «Dossier Risiko Interview Florian Schranz» stellte Jens Badura im November 2015.