Am 29., 30. und 31. kamen alleine in der Schweiz 11 Personen durch Lawinenunfälle ums Leben, einige schweben noch in Lebensgefahr. Am Vilan im Prättigau kamen gleich 5 Personen ums Leben. Solche Unfälle rütteln mich auf. Sie machen mich traurig und meine Gedanken sind bei den Verstorbenen, deren Familien und deren Freunden.

Solche Unfälle gehen nicht spurlos an einem vorüber. Mich beschäftigt die Frage, wie das passieren konnte und auch meine Familie und Freunde befassen sich damit.

Was würde Munter sagen?

Gerade gestern habe ich zwei Berichte mit/zu Werner Munter gelesen. Der eine Bericht erschien diese Woche im Tagesanzeiger. Besonders interssant war der andere Bericht, ein Interview, das vor längerer Zeit im Strassenmagazin Surprise erschienen war – hier der Link. Der Lawinenpapst der Schweiz, der so nicht genannt werden möchte, wählt gerne provokante, ironische Aussagen: Helme auf Touren braucht es nicht, Airbags sind fragwürdig. Auffällig ist, dass seine Antworten seit Jahren dieselben sind. Seine Meinung hat sich hierzu nicht geändert. Unsere Versuche, das Lawinenrisiko durch technische Hilfsmittel in den Griff zu bekommen, sind wohl nicht der erfolgreichste Weg.

Gemäss den Methoden von Werner Munter wären nach wie vor viele Lawinenunfälle vermeidbar. Da die Personen vielfach ein zu hohes, nicht vertretbares Risiko eingegangen sind. Seine Methoden und daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen gibt es seit mehr als 20 Jahren und sie sind weiterhin gültig. Ein kleiner Ausschnitt:

Lawinenunfall: Todgeiler Dreier

¾ aller Unfälle weisen typische Muster auf, wenn man sie in Bezug auf die Schlüsselvaraiblen klassifiziert. Die unfallträchtigste aller Kombinationen ist der von Werner Munter sogenannte «Todgeile Dreier». Lebensgefährlich ist es, wenn die Lawinengefahrenstufe 3 erheblich plus Sektor/Exposition Nord plus extrem steil zusammen kommen. Blickt man zum Beispiel in die Unfalltabelle des vergangenen Winters 2013/2014, ist dieses Unfallmuster leider schnell zu finden. Bei den aktuellen Unfällen ist es teilweise bzw. in Ansätzen vorhanden.

«Schwachschichten»-Winter

Der Winter 2014/2015 ist bis jetzt ein schneearmer Winter. Es schneite spät und wenig, es folgten vielerorts zahlreiche kleinere Schneefälle, unterbrochen von Regen/Wärme und Strahlungswetter. Dadurch ist der Schneedeckenaufbau oft schlechter, es können mehr Schwachschichten vorhanden und/oder weiter oben eingelagert sein. Vielerorts ist der Schneedeckenaufbau seit Wochen schlecht und solange kein massiver Schneefall kommt, wird sich das kaum ändern und kann evtl. bis zum Ende des Winters so bleiben. Daher sind schneearme Winter gefährlicher und haben leider oft mehr Lawinentote zur Folge. Vorsicht ist geboten.

Aktuelle Lawinenunfälle Schweiz

Die fünf Schlüsselvariablen zur Beurteilung der Lawinengefahr sind nach Munter Gefahrenstufe, Hangneigung, Hangexposition, Spuren im Hang sowie Gruppengrösse und Abstände. Welche Faktoren bei jedem einzelnen Unfall zum Tode geführt haben, ist zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen. Das SLF veröffentlicht in einer Tabelle die Daten tödlicher Lawinenunfälle und schreibt immer dazu: «Die vorliegenden Daten liefern erste, nicht im Detail kontrollierte Informationen zum Lawinenunfall. Sie können deshalb Fehler enthalten. Der genaue Unfallhergang wird von der Polizei analysiert, was in der Regel mehrere Monate dauert.» Nimmt man diese Informationen, ergibt sich aber zumindest ein erstes Bild.

Wichtig dabei ist zu erwähnen, dass wir heute immer mehr technische Hilfsmittel heranziehen, um unsere Sicherheit zu erhöhen. Doch auch ein Lawinenairbag reduziert nicht die Gefahr! Werner Munter rät zu einem Wechsel der Perspektive – frag Dich lieber WANN (bei welcher Gefahrenstufe) geschehen WO (in welchen Hängen in Bezug auf Steilheit und Exposition) relativ am meisten Unfälle?

Die Planung von Touren basierend auf dem vorhandenen Wissen und die Entscheidung, wann man wo was machen will, liegt in der eigenen Verantwortung. Vor, während und nach einer Tour geht es darum, Entscheidungen zu treffen. Basierend auf den bekannten Methoden müssen Hangneigung, Exposition etc. bestimmt und beurteilt werden.

«Da man JA oder NEIN antworten muss, sind Differenzierungen und Nuancierungen fehl am Platz. Wer schnelle Entscheidungen fällen muss, ist gezwungen, schablonenartig zu entscheiden! Deshalb sind einfache Denk- und Handlungsmuster in komplexen Situationen sehr erfolgreich!» (W. Munter)

Als Beispiele für solche Regeln nennt Munter:

  • wer bei mässig unter 35 Grad bleibt (Umfeld beachten!), kann alles machen
  • nach einem grösseren Neuschneefall bleibt man am ersten schönen Tag unter 35 Grad (grosses Umfeld/ganzen Hang beachten) und hält Entlastungsabstände ein
  • bei grosser Lawinengefahr verzichtet man auf Spitzkehrhänge etc.

Mit Respekt vor den Verunglückten – es geht nicht um die Schuldfrage. Für abschliessende Urteile ist es wie gesagt zu früh. Ich möchte, dass wir sicher in den Bergen unterwegs sind und die atemberaubende Schönheit der Bergwelt geniessen können. Für jeden einzelnen geht es darum, sich selber gut einzuschätzen, sich kritisch zu hinterfragen, dazuzulernen, sich eine Meinung zu bilden. Dafür stelle ich die Informationen in Form von Kartenausschnitten bereit. Dabei habe ich ebenso Fragezeichen. Beispielsweise kann ich mir den Unfall am Luegli (Adelboden) derzeit so nicht erklären.

Update 4. Feb 2015: Wie zu erwarten war, wurden die Angaben zum Lawinenunfall am Luegli geändert. Die alte Karte habe ich durch eine neue mit den neuen Koordinaten Unfallpunktes aktualisiert.

Kartenausschnitte der 7 Unfälle (Lawinenunfall Schweiz 2015) der letzten 3 Tage – Quelle Karten Lawinenunfall Schweiz 2015: swisstopo; Quelle Lawinenunfall Schweiz 2015: SLF.

29.01.15 Col des Mines, Riddes, 586075/106360, Variante, 2380 m, Exposition N, Neigung 35-40°, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

29.01.15 Gulme, Amden, 733100/225700, Tour, 1590 m, Exposition E-SE, Neigung 40°, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

30.01.15 Hahnenmoospass, Adelboden, ca. 604750/144600, Variante, 1900 m, Exposition NE, Neigung ?, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

31.01.15 Chlys Schilthoren, Lauterbrunnen, 631452/156214, Variante, 2380 m, Exposition E, Neigung 31-35°, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

31.01.15 Hinderrugg, Wildhaus-Alt St. Johann, 741440/224200, Variante, 2270 m, Exposition W, Neigung, 41-45°, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

31.01.15 Luegli, Adelboden, ca. 605500/143400, Variante, 2000 m, Exposition N, Neigung ?, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

neu: 31.01.15 Luegli, Adelboden, ca. 605557/143967, Variante, 2000 m, Exposition N, Neigung ca. 40°, Gefahrenstufe 3, 1 Toter

31.01.15 Vilan, Seewis im Prättigau, 764821/209070, Tour, 2260 m, Exposition NE, Neigung ca. 35°, Gefahrenstufe 3, 5 Tote

comments (3)

  • Zum Luegli: wahrscheinlich stimmen die Koordinaten nicht. Sie stimmen jedenfalls nicht mit den anderen Angaben (Nordhang auf 2000m) überein.

  • Auf http://www.slf.ch wird die Hangneigung mit ca. 40 Grad angegeben. Koordinaten 605557/143967

  • Ja. Dort wäre eine Auslösung eben auch nicht wirklich möglich gewesen. Die Koordinaten wurden beim SLF angepasst – die Karte hier dementsprechend.

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