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Wenn wir im Lawinengelände unterwegs sind, müssen wir oft komplexe Entscheidungen treffen. Dabei gibt es viele Faktoren zu berücksichtigen: Was steht im Lawinenbulletin? Woher kam der Wind? Ist der frische Triebschnee auslösbar? Gibt es Schwachschichten tief in der Schneedecke? Was wir aber beim Entscheiden oft vergessen oder kaum beachten, sind wir selber. Welche Charaktere sind in der Gruppe mit dabei, wer hat am meisten Erfahrung? Haben wir die Ziele für den Tag abgeklärt? Sind alle in guter Verfassung?

Vernachlässigter Faktor Mensch

Dass der Mensch in der Lawinenkunde ein entscheidender Faktor ist, wissen wir. Werner Munter war der erste, der mit seiner Methode 3×3 darauf aufmerksam machte. Aber durch vereinfachte Methoden wie die Grafische Reduktionsmethode (GRM) trat der Faktor Mensch eher wieder in den Hintergrund. Dafür rückten die Lawinengefahrenstufe und Hangneigung ins Zentrum.

Später untersuchte der amerikanische Lawinenforscher Ian McCammon Fehler, die beim Entscheiden gemacht werden genauer. Er beschrieb die wichtigsten Fallen, die beim Anwenden von Faustregeln im Lawinengelände auftreten können und fasste sie unter dem Akronym FACETS zusammen. Seine Forschung floss in viele Lawinenlehrbücher ein.

Gruppen und Gruppendynamik

Die meisten gehen in der Gruppe auf Skitouren, Variantenfahren/Freeriden oder Schneeschuhtouren.

  • Dabei hat jede Person eine bestimmte Rolle (z.B. Tourenleiter/Wanderleiter/Bergführer/Gruppenführer/Experte/einfaches Mitglied).
  • Zudem stehen die Mitglieder einer Gruppe in unterschiedlichen Beziehungen zueinander (z.B. als Paar/Kollegen/Freunde/Personen, die sich weniger gut kennen).

Die einzelnen Gruppenmitglieder spielen in unterschiedlicher Art und Weise zusammen, beeinflussen sich gegenseitig – bewusst oder unbewusst – und ergeben schliesslich ein neues Gesamtgefüge. Dieses gruppenspezifische Gefüge spielt eine wichtige Rolle, wenn die Gruppe im Gelände die Lawinengefahr beurteilen muss. Denn wie sich eine Gruppe entscheidet ist oft anders, als sich die Gruppenmitglieder einzeln oder in einer anderen Kombination entscheiden würden.

Diesen gruppendynamischen Effekten auf die Spur zu kommen, war Ziel einer Doktorarbeit am SLF. Als eines der Ziele der Doktorarbeit wurde ein einfacher Gruppen-Check entwickelt, der einer Leitungsperson helfen kann, ihre Gruppe auf risikoreiche, gruppendynamische Effekte zu prüfen.

SOCIAL – ein Gruppen-Check-Tool

Das neue Gruppen-Check-Tool trägt den Namen SOCIAL. Es ist das Ergebnis und eines der Ziele einer Doktorarbeit zu gruppendynamischen Faktoren, welche die Entscheidungen von Wintersportlern im Lawinengelände beeinflussen. Die Befragung von Skitourenfahrern und Freeridern im Raum Davos brachte verschiedene Verhaltensmuster an den Tag. Das Studium dieser Verhaltensmuster kann in vielen Fällen helfen, das Risiko zu reduzieren. Anhand dieser Befragungsresultate sowie mit Literaturanalysen, Vergleichen zu anderen risikoreichen Disziplinen und in Zusammenarbeit mit dem Kernausbildungsteam „Lawinenprävention Schneesport“ (KAT) entwickelte der Lawinenprognostiker Benjamin Zweifel das Gruppen-Check-Tool SOCIAL. Es soll dem Wintersportler als Gedankenstütze beim Erkennen von möglichen Gruppen bezogenen Risikofaktoren dienen.

SkillsPasst die Schwierigkeit der Tour zu Können und Grösse der Gruppe?
OrganisationGruppenzusammensetzung und Rollen klären
CommunicationOffen und klar kommunizieren, bei Unklarheiten nachfragen
IdentificationErwartungen klären und Alternativen diskutieren
AnomaliesWürde man alleine gleich entscheiden?
LeadershipDruck präventiv abbauen, mögliche Probleme ansprechen

Das Set an möglichen Kontrollfragen und Handlungen zu den einzelnen Faktoren von SOCIAL kannst Du den Bildern entnehmen:

Das Gruppen-Check-Tool SOCIAL ist auf Deutsch und Französisch im praktischen Kreditkartenformat erhältlich. Die Kärtchen können direkt beim SLF (sekretariat@slf.ch oder Tel. 081 417 01 11) bezogen werden und stehen somit für Lawinenkurse oder auch für die private Skitour zur Verfügung.

Quellen: SLF; International Snow Science Workshop 2014, Proceedings. September 29-October 3, 2014. Banff AB, Canada, pp. 963-969.

PS: Ein vergleichbares Ziel verfolgt aktuell das Tracks-Projekt von Jordy Hendrikx, Leiter des Schnee- und Lawinenlabors der Universität Montana im Nordwesten der USA. Alle Skitourengänger, unabhängig von ihrem Können und ihrem Wohnort, sind eingeladen, sich an der Studie zu beteiligen.
(Zum Projekt gab es zudem einen Artikel in «Die Alpen»: Der Fehler liegt im Kopf, 03/2016.)

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