Pillerseetal – Huskys, Hundeschlitten und ich

Hast Du Dir schon mal vorgestellt mit einem Hundeschlitten durch eine verschneite Landschaft zu düsen? Den Fahrtwind im Gesicht zu spüren? Mit vollem Körpereinsatz in die Kurve legen? Mit eigenen Augen sehen, wie die Huskys als Einheit vorauspreschen? 

Ich für meinen Teil, wollte dies schon lange mal erleben. Die Vorstellung wie ein Team aus Hunden die Koordination bewerkstelligt einen Schlitten zu ziehen, der schwerer ist als sie, fasziniert mich schon lange. Hinzu kommt die Geschwindigkeit. Ein gutes Gespann erreicht über eine kurze Distanz gut und gerne 30 km/h und mehr. Ich wollte am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die Hunde den Schlitten in Bewegung versetzen.

Den Ort für dieses Bergerlebnis war rasch gefunden: das Pillerseetal. Am gleichnamigen See treffen sich jedes Jahr im Januar hunderte Schlittenhundeführer. Das Tal bietet alles was es für ein Trainingscamp inklusive Abschlussrennen braucht: abwechslungsreiche Landschaft, viel Schnee und genügend Infrastruktur für den täglichen Bedarf. Während zwei Wochen Campieren hier am Dorfrand von St. Ulrich am Pillersee die Musher – so nennen sich die Hundeschlittenführer. Die meisten Musher sind mit einem Kleinbus unterwegs in dem das Material und die Hunde sind. Oft ist dann auch noch ein Wohnwagen dabei, in dem sich Herrchen und Frauchen einnisten. So entsteht ein Dorf auf Zeit.

Was ein Musher alles wissen muss

Neben dem Training mit den Schlittenhunden und den Rennen werden auch Hundeschlittenkurse angeboten. Während drei Tagen bekommt man dort Einblick ins Leben eines Mushers. Meinen Musherkurs leiten Mario und Melanie, die beiden sind seit einigen Jahren erfolgreich in der Szene unterwegs und sie machen es mit Leidenschaft.

Bereits bei der Begrüssung wird klar, wie verbunden die beiden mit ihren Hunden sind. Sie kennen die Hunde nicht nur beim Namen, sondern können auch deren Charakter beschreiben. Shayenne sei sehr schüchtern, Dala sehr verspielt, Enzo ist noch jung und wild, Lucy hat bereits viel Erfahrung, sie ist etwas ruhiger. Nach dem Kennenlernen mit den Hunden geht es gleich zur Theorie. Wir erfahren, dass es verschiedene Rennklassen gibt und welche Rassen sich für Hundeschlittenrennen eignen und welche nicht. Wir lernen auch, dass die Hunde mit Kommandos gelenkt werden. „How“ meint links und „Gee“ meint rechts. Gerade aus heisst „Go ahead“. Das Loben der Hunde und das Leckerli zum Schluss gehören selbstverständlich zum Training und zum Rennen dazu.

«Die Männchen sind kräftiger und werden deshalb oft direkt vor dem Schlitten eingereiht. Die Weibchen führen das Gespann an. Denn sie sind schneller und intelligenter», erklärt uns Mario.

Einmal mehr bin ich erstaunt darüber, wie viel es zu wissen gibt und wie wenig ich davon weiss.

Trockenübungen im Hundeschlittenkurs

Nach den ganzen Informationen wird es Zeit zu handeln. Aber zum erhofften Rumdüsen ist es noch zu früh. Das Wohlbefinden der Huskys hat immer erste Priorität. Nur, wenn es den Hunden gut geht, geht es auch dem Musher gut.

Wir lernen, was es bei der Fütterung zu beachten gibt, streicheln die Huskys und achten uns darauf, dass keiner verletzt oder krank ist. Soweit sind alle Hunde fit und motiviert zu rennen. Aber auch sie müssen sich gedulden, denn die Musherkursteilnehmer müssen erst lernen mit dem Schlitten umzugehen. Auch dieser muss gewartet werden. So stehen wir schon bald um eine improvisierte Werkbank und sehen, wie man die Kufen wachst, um das optimales Gleiten auf dem Schnee zu erreichen. Anschliessend stossen wir den Schitten als Trockenübung selbst einen Hügel hoch und versuchen beim Runterfahren saubere Kurven zu machen. Dies wird durch Gewichtsverlagerung bewerkstelligt. Mit genügend Druck auf die linke oder rechte Kufe gelingt es die Fahrtrichtung des Schlittens zu beeinflussen. Die Herausforderung dabei ist, nicht von Schlitten zu fallen. Später werde ich noch froh sein, um diese Übung.

Von der Theorie zur Praxis – meine erste Fahrt mit dem Hundeschlitten

Nun zum eigentlich Traum, die Fahrt mit dem Hundeschlitten durch die verschneite Landschaft. Bereits bei der Vorbereitung spürt und hört man die Vorfreude der Huskys. Lautes Heulen und zerren beginnt, als ich den ersten Hund vor den Schlitten spanne. Zum Glück haben wir den Schlitten am Auto fest gemacht, denn Enzo, der erste Husky der eingespannt ist, will schon los. Er zerrt und hüpft. Selbst ein wenig aufgeregt binde ich, unter Anleitung von Mario, Lucy an den Schlitten. Sie freut sich auch, zerrt aber nicht ununterbrochen an der Leine. Sie weiss scheinbar, dass es noch nicht losgeht.

Nun sind alle bereit und wir haben den Start der heutigen Runde erreicht. Da wir noch alle Anfänger sind, wird es eine kleine Runde sein. Das genügt auch für den Anfang, denke ich mir und gehe in Gedanken nochmals durch, was ich beachten muss. Beim Aufsteigen auf die Bremse stehen, dann den Schneeanker lösen. Die Füsse so platzieren, dass ich auf den Kufen und der Fussmatte stehe. Dann langsam das Gewicht von der Bremsmatte nehmen. Gedacht, getan.

Kaum ist der Hundeschlitten ungebremst geht es los. Nach einem überraschend harten Ruck bewegt sich alles um mich herum ganz schnell. Menschen und Bäume nehme ich nur noch unscharf war. Mein Blick und meine Konzentration sind voll auf die Hinterläufe der Huskys fixiert. Achja, gut Zurufen sei wichtig, hat Mario gesagt. Also beginne ich mit den Hunden zu reden: «Weiter, weiter. Gut so. Bravo, bravo.» Und da kommt sie, die erste Kurve. Die Hunde begreifen es früher und wenden sich nach links. Gerade als ich mich an das richtige Kommando erinnere und «How, How, How» rufe, merke ich wie der Schlitten hinten ausbricht und ich in die Kurve drifte. Kurz vor dem Umkippen, verlagere ich mein Gewicht auf die eine Kufe und spüre, wie sich der Schlitten stabilisiert. Wieder rufe ich: «Gut so. Bravo, Bravo», diesmal mehr zu mir selbst.

Nach einer rasanten Fahrt erreiche ich wohl behütet das Lager, wo einige der anderen bereits warten. Erregt vor Aufregung tauschen wir uns über das gerade erlebte aus. Bei den einen lief es besser, bei den anderen schlechter. Aber in einem sind wir uns einig: wir sind begeistert. Zwei weitere Tage stehen uns bevor. Die Arbeit mit den Hund wird immer vertrauter und die Freude am Schlittenfahren immer grösser.

Am Ende wird uns feierlich das Musher-Diplom für den Hundeschlittenkurs überreicht. Wir sind stolz, glücklich und müde. Mein Respekt vor der Leistung der Hunde ist nun grösser denn je.

Links

MerkenMerken