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In letzter Zeit tauchte die Frage öfter in meinen Lawinenkursen auf: «Kann man mit dem Mobiltelefon nicht einen Lawinenverschütteten orten?»

Diese Frage stellten sich natürlich auch einige andere. Und schwuppdiwupp waren die passenden Lawinensuche Apps auf dem Markt:
  1. iSis Intelligent (Mountain) Rescue System (derzeit nur iPhone, 5,99 € pro Woche)
  2. Snøg Avalanche Buddy (derzeit nur Android)
  3. SnoWhere (nur iPhone, aber nicht in der Schweiz verfügbar)
Dabei greifen die Lawinensuche Apps auf unterschiedliche Technologien zurück: GPS, Bluetooth und auch WIFI. Verschütteter und Suchender brauchen jeweils dieselbe Lawinensuche App. Die Signalstärke wird als Zahl (SnoWhere) oder per Balken (Snøg) angezeigt. Snøg und SnoWhere verwenden beide GPS, um den Standort des Verschütteten auf einer Karte zu zeigen. iSis und SnoWhere geben zudem den Standort an, der bei der Alarmierung der organisierten Rettung hilfreich ist.

Apps sind kein Ersatz für die Mitnahme eines LVS

Problematisch ist dabei, dass die Anbieter ihre Apps teilweise als Ersatz für ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) anpreisen. Eine App sollte derzeit jedoch kein LVS ersetzen. Oder doch? Das Canadian Avalanche Center (CAC) gab als erstes eine Warnung heraus. Folgende Nachteile haben die Apps (den gesamten Test kann man hier nachlesen):
  • Kompatibilität der Geräte: Alle LVS, egal von welchem Hersteller, verwenden die Frequenz 457 kHz. Die Geräte sind untereinander kompatibel und man kann somit auch Geräte eines anderen Herstellers finden. Die Apss aber, die mit Smartphones funktionieren, sind mit der Standard-Frequenz nicht kompatibel. Dazu sind die Apps auch untereinander nicht kompatibel – die App von Anbieter A kann mit dem App von Anbieter B nicht kommunizieren und somit weder andere suchen, noch gefunden werden.
  • Signal der Apps ist zu schwach: Die 457 kHz-Frequenz-Standard wurde seinerzeit wohlüberlegt gewählt. Sie durchdringt problemlos verdichteten Schnee und wird auch nicht von Bäumen, Holz, Felsen oder Steinen reflektiert. Keine der von Apps verwendeten Übertragungsmethoden verfügt über eine annähernd gleiche Übertragungsqualität. WiFi und Bluetooth sind wesentlich schwächer bei der Durchdringung von Schnee und werden sehr leicht von massiven natürlichen Hindernissen, wie sie aber sehr oft in einem Lawinenkegel vorkommen, reflektiert. Auch die Ortung mit GPS-Signalen ist wesentlich ungenauer, als mit der 457-kHz-Frequenz – dabei ist die Suchpräzession wesentlich für eine schnelle, effiziente und damit überlebensentscheidende Rettung von Lawinenverschütteten.
  • Akku-Laufzeiten:  Auch die generell geringen Akku-Laufzeiten von Mobiltelefonen (speziell bei niedrigen Temperaturen), Interferenzen durch andere störende Geräte und die Betriebssicherheit sind Nachteile. Bei tiefen Temperaturen können die Flüssigkristall-Displays sogar einfrieren und werden damit funktionsunfähig (man merkt das im Winter, wenn die Displays sehr langsam reagieren).

So kamen das CAC und andere Organisationen zum Schluss: Apps sind kein Ersatz für die Mitnahme eines LVS.

Stellungnahme zur Kritik

Die App-Hersteller liessen diese Kritik aber auch nicht so einfach auf sich sitzen (siehe Stellungnahme von Snøg):
  • Sie kritisieren den Testbericht des CAC, da die Apps grundsätzlich abgelehnt wurden, dabei aber nicht einmal in der Praxis getestet wurden.
  • Dabei weisen sie darauf hin, dass keine der Apps ein LVS ersetzen soll. Vielmehr sind die Apps für Leute gedacht, die ohne LVS unterwegs sind.

Klar ist aber, dass dies problematisch ist und bleibt. Prävention funktioniert nun mal nicht nach dem Prinzip: wer keinen Skihelm trägt, sollte immerhin eine Mütze tragen.

  • Die Apps funktionieren arbeiten mit Bluetooth, GPS oder WIFI-Signalen. Laut Snøg kommt es dabei nicht zu Störungen bzw. Interferenzen durch andere störende Geräte. Diese Störungen gibt es zwar beim LVS, nicht aber beim Smartphone.
  • Dazu bezweifelt Snøg die “heilige Kuh” Frequenz 457 kHz. Zum einen gibt es laut Snøg keine Quelle, die belegen kann, dass diese Frequenz besser geeignet ist als andere. Zum anderen arbeiteten LVS früher mit einer anderen Frequenz (2,275 kHz). Und auch heute arbeiten manche LVS (z.B. Mammut PULSE Barryvox) mit einer zusätzliche Frequenz, genannt W-Link (868 MHz in Europa, 915 MHz in Nordamerika).
Am Ende bleibt also Ungewissheit. Sicher ist, dass ein LVS meist gut funktioniert und mittlerweile weit verbreitet ist. Es gehört zur Standard-Sicherheitsausrüstung. Dennoch finde ich, sollte man neue Ideen und Technologien nicht pauschal und vorschnell ablehnen. Mag sein, dass die Apps Schrott sind, aber der “Testbericht” vom CAC ist nicht wirklich fair. Es braucht also unabhängige Testberichte, die wirklich diese Apps in ihrer Funktion testen. Solange es die nicht gibt, rate ich klar von der Anwendung der Apps in der Praxis ab und empfehle nach wie vor ein LVS.

Hast Du schon Erfahrungen mit einer der Apps gemacht?


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