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Test Die Alpen von Jon Mathieu
6.5 / 10 Bewertung
PRO
  • umfassende, klar strukturierte und überwiegend gut verständlich formulierte Darstellung des Themas
  • zahlreiche weiterführende Literaturhinweise sowie kompakt-praktikable Auswahlbiographie
  • hohe Qualität von Bildteil und Gestaltung
  • angesichts der relativ aufwendigen Buchgestaltung gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
CONTRA
Testurteil
Die Alpen von Jon Mathieu bietet eine sehr gut strukturierte und dargestellte, multidimensional angelegte Geschichte des Alpenraums, die zudem in einem äusserst gelungen gestalteten Buch aufgehoben ist. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich für das Thema weitergehend interessieren und dabei einen gelegentlichen den Gang durch etwas mühsamer zu verdauende akademische Tiefenschärfepassagen nicht scheuen.
Struktur/Aufbau7.5
Preis-Leistung6.5
sprachlicher Stil6
Qualität7.5
Umwelt/Nachhaltigkeit5

Fakten

Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte, von Jon Mathieu, Stuttgart: Reclam Verlag 2015, ISBN: 978-3-15-011029-4

Das sagt der Verlag:

Alpenbücher gibt es so viele wie Geröll auf dem Aletschgletscher. Dieses aber ist ganz anders: In Die Alpen beschreibt Jon Mathieu die tiefe Verbindung zwischen Mensch und Natur in dieser besonderen Kulturlandschaft. Seit den Zeiten des Ötzi und der Hallstatt-Jäger sind die Alpen zu einem einzigartigen Kulturraum geworden. Die unterschiedlichsten Kulturen waren und sind in dieser harten, fordernden Umwelt zu Hause. Diese Geschichte der Alpen umspannt die Besiedelung des alpinen Raums bis heute und erzählt von der menschlichen Kultur und vom Leben, Arbeiten und Denken in den Bergen und Tälern der Alpen.

  • 254 S.
  • 88, teils farb. Abb.
  • 2 Karten
  • geprägtes und bedrucktes Leinen
  • Format 21,5 x 26,5 cm

Rezension Die Alpen von Jon Mathieu

Jon Mathieu, Historiker an der Universität Luzern und zuvor u.a. Gründungsdirektor des Istituto di Storia delle Alpi an der Università della Svizzera italiana, ist bestens ausgewiesener Spezialist für die Geschichte des alpinen Raums. Mit den beiden Titeln «Die Dritte Dimension. Eine vergleichende Geschichte der Berge in der Neuzeit», Schwabe Verlag: Basel 2011 sowie der «Geschichte der Alpen 1500–1900. Umwelt, Entwicklung, Gesellschaft», Wien: Böhlau Verlag 1998, 253 Seiten, 2. Auflage 2001 hat er bereits einschlägige Beiträge zum Thema vorgelegt und den reich gedeckten Büchertisch zum Thema weiter bestückt.

In der Einleitung zum neuen Band «Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte», Stuttgart: Reclam Verlag 2015 fragt er daher auch: «Weshalb ein neues Alpenbuch, wenn an dieser Gattung doch gerade kein Mangel herrscht?» (S. 13). Und skizziert in der gleich anschliessenden Antwort den Plan, der die Arbeit am kürzlich erschienenen Buch geleitet hat: «Man könnte versuchen, damit die internationalen Forschungsergebnisse der letzten Zeit in einen Zusammenhang zu bringen und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. (…) Alpenbücher gibt es genug, aber eine einheitliche Überblicksdarstellung zur Geschichte der Alpen musste erst noch geschrieben werden.» (ebenda). Dieser Anspruch, so sei vorweg schon einmal gesagt, wird durchaus eingelöst, auch wenn dabei die Gratwanderung zwischen dem für den Autor merklich gewohnten akademisch-komplexitätsverpflichteten Schreiben und einen durch Detailbeschränkung bekömmlich bereiteten Zugang auch für eine nicht fachwissenschaftlich geübte Leserschaft durchgängig spürbar bleibt. So oder so: ein nicht ganz kleines Mass an Konzentration wird verlangt.

Mathieus Vorgehensweise ist inspiriert vom französischen Historiker Fernand Braudel, einem Vertreter der französischen Annales-Schule, die Geschichtsschreibung als integrative Darstellung politischer, kultureller, sozialer und ökonomischer Faktoren betreibt. Dieser hatte die Alpen als eine «montagne exceptionnelle» charakterisiert, worin Mathieu ihm folgt und seine methodischen Annährung an den Untersuchungsgegenstand entsprechend dieser Besonderheit multidimensional anlegt. Nach einführenden Bemerkungen und einleitenden Überlegungen zur Situierung des Vorhabens hinsichtlich der früheren und der zeitgenössischen Alpenforschung arbeitet Mathieu souverän und kenntnisreich die vielfältige Gemengelage in zehn Kapiteln klar strukturiert ab. Die einzelnen Teile sind dabei nicht direkt chronologisch aufeinander aufbauend, sondern systematisch nebeneinander gruppiert: Besiedelung, Lebensformen, Wirtschaftsweisen, politische Entwicklungen usw. Auch die Frage, wie sich kulturgeschichtlich die Wahrnehmung der Alpen von einer Bedrohung zur heute vertrauten touristischen Attraktion, von einer lebensfeindlich unwirtlichen Zone zum «Playground of Europe» (Leslie Stephen) entwickeln konnte, wird im Horizont unterschiedlicher historischer Faktoren thematisiert.

Schliesslich behandelt Mathieu noch die spezifische Wirkung der Moderne auf den Alpenraum – insbesondere mit Blick auf die neueren und neusten Entwicklungen, wie vor allem die europäische Einigung, die wachsende Bedeutung ökologischer Fragen, alpenspezifische politische Massnahmen wie die Alpenkonvention oder auch die Bedeutung der Alpen bzw. einzelner Berge als regionale oder nationale Symbole usw.. Mit einem knappen, allerdings etwas blassen Ausblick (aber Historiker blicken ja professionsbedingt eher zurück als dass sie prognostisch operieren – wer es etwas expliziter möchte wird eher bei Autoren wie Werner Bätzing fündig) endet der Hauptteil des Buchs. Es folgt dann noch ein Erläuterungsapparat und eine klug zusammengestellte Auswahlbibliographie am Ende, die vielfältige Pfade zu weiterführenden Quellen legt. Der Textteil ist ergänzt von zahlreichen Karten und dokumentarischen Photos. Zudem ist im Kapitel «Alpenwahrnehmung – Stereotyp und Vielfalt» ein Tafelteil eingefügt, der auf 16 Seiten «die Alpen in Malerei und Gebrauchskunst des 14.-20- Jahrhunderts» dokumentiert: eine sehr gut arrangierte, visuelle Weise, die Entwicklung der Auseinandersetzung mit der «montagne exceptionnelle» zu erschliessen – wobei knappen wie informative Bildlegenden und Kommentaren unterstützen.

Bemerkenswert sind auch die gelungenen Landschaftsbilder, durch die hindurch man sich anfangs in den Textteil hinein blättert sowie die jeweils zu Beginn der Kapitel gewählten thematisch bezogenen Abbildungen und Photos. Und: Die Buchgestaltung insgesamt ist sehr gelungen, durchdacht und ohne Scheu von Aufwand für das Layoutkonzept und dessen konsequente Umsetzung realisiert – diesbezüglich soll hier ein Kompliment an den Verlag nicht fehlen.

Zusammenfassend: ja, Die Alpen von Jon Mathieu ist ein weiteres Alpenbuch unter vielen bereits vorliegenden Alpenbüchern, doch eines, das inhaltlich wie von seiner Machart sicher nicht dasjenige ist, welches man als «eines zu viel» bezeichnen, sondern besser in die Hand nehmen und lesen sollte, wenn man substantiell in das Thema Geschichte des Alpenraums nicht nur ein- sondern auch durch es hindurchgeführt werden möchte.

Preis

Das Buch Die Alpen von Jon Mathieu kostet 38.80 €.

Links

Verlag Reclam

Auskunft beim Verlag


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