Buchrezension Berggöttinnen der Alpen
5.6 / 10 Bewertung
PRO
  • bei entsprechender esoterischer Musikalität ungewohnte Perspektiven auf bekannte Regionen und anregende Zusammenhänge für ein Denken ausserhalb der Betrachtungsnormalitäten
CONTRA
  • in der Argumentation spekulativ und nicht bzw. nur selektiv durch den zeitgenössischen Forschungsstand der für das Themenfeld relevanten Geistes- und Kulturwissenschaften gedeckt
Testurteil
Das Buch Berggöttinnen der Alpen, Matriarchale Landschaftsmythologie in vier Alpenländern der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth bietet esoterikaffinen Alpenliebhaberinnen (und -liebhaber) eine vermutlich bereichernde Lektüre, eher auf dem Boden wissenschaftsbasierter Forschungsergebnisse argumentierende Zeitgenossen hingegen werden von dieser Mythologie eher weniger überzeugt sein.
Struktur/Aufbau5.5
Preis-Leistung5.8
sprachlicher Stil6.2
Qualität5.5
Umwelt/Nachhaltigkeit5

Fakten

Berggöttinnen der Alpen, Matriarchale Landschaftsmythologie in vier Alpenländern von Heide Göttner-Abendroth, Bozen: Edition Raetia 2016, ISBN: 978-88-7283-556-2

Angaben vom Verlag:

Europas bekannteste Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth zeigt eine unbekannte Seite der Alpen und fasst in diesem Buch ihre landschaftsmythologischen Forschungen in der Schweiz, in Deutschland, Südtirol und Österreich zusammen.

Dabei betreibt sie Feldforschung und verknüpft das Wissen von Mythologie, Volkskunde, Sprachforschung und Geografie mit den archäologischen Funden aus den frühen Alpenkulturen. Mit ihrem geschulten Blick gelingt es ihr, die alten Geschichten und Sagen zu erkennen, die in die Landschaft eingeschrieben sind. Grundlage dafür ist die genaue Betrachtung verschiedener Bergformen und ihrer Umgebung, die sie der Symbolik und der Sichtweise früherer matriarchaler Kulturen zuordnet. Das ergibt völlig neue Einsichten in bekannte und weniger bekannte Alpen-Gegenden, die wegen ihrer Schönheit auch heute noch die Menschen anziehen. Das Buch macht es uns möglich, diese Gegenden mit einem neuen Blick zu erwandern. Es gibt uns einen verschütteten Teil unseres kulturellen Erbes zurück.

  • Broschur
  • 16,5 x 23,5 cm
  • 416 Seiten

Buchrezension Berggöttinnen der Alpen

Heide Göttner-Abendroth als «bekannteste Matriarchatsforscherin» zu bezeichnen, wie es im Klappentext ihres neuesten Buchs Berggöttinnen der Alpen. Matriarchale Landschaftsmythologie in vier Alpenländern heisst, ist sicherlich nicht falsch: spätestens seit dem Erscheinen des ersten Teils ihres Hauptwerks «Das Matriarchat» gilt sie als eine – wenn nicht die – prägende Figur dieser freilich umstrittenen Forschungsrichtung. Die Gründer- und Leiterin der «HAGIA – Internationale Akademie für Moderne Matriarchatsforschung und Matriarchale Spiritualität» hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies entlang der folgenden Definition von Matriarchat zu betreiben und zu befördern:

«Matriarchate sind nicht die spiegelbildliche Umkehrung von Patriarchaten, indem dort Frauen über Männer herrschen – wie es das gängige Vorurteil will. Matriarchate sind stattdessen mutter-zentrierte Gesellschaften, und sie bauen auf mütterlichen Werten auf: Pflegen, Nähren, Fürsorge, Friedenssicherung, d. h. Mütterlichkeit im weitesten Sinne. Diese Werte gelten für alle, für Mütter und Nicht-Mütter, für Frauen und Männer gleichermaßen.
(Quelle: Website der Autorin)

Umstritten sind Göttner-Abendroths Arbeiten insbesondere deshalb, weil sie einerseits von aus wissenschaftlicher Perspektive zweifelhafter Vorgehensweise geprägt sind, andererseits einen deutlichen Hang ins Esoterische haben, sodass ihre Zugänglichkeit einer ausgeprägten Musikalität für solches Denken und Argumentieren bedarf.

Ihr Zugang greift in der Regel auf ein archäologisch und Kulturhistorisch mehr oder weniger gedecktes, buntes Mix an Zeugnissen aus der Frühgeschichte zurück und entwickelt von dorther mit einem guten Schuss Spekulation und Symbolzauber Theorien über die Strukturen nicht-patriarchaler Lebens- und Gesellschaftsformen.

Diesem Schema folgt auch Berggöttinnen der Alpen, Matriarchale Landschaftsmythologie in vier Alpenländern, wo sie die Jungsteinzeit in den Ötztaler Alpen, die Fanes-Region in den Dolomiten, Surses im Graubünden, die Gegend um Salzburg und das Berchtesgadener Land sowie jene um den Vierwaldstättersee sowie einige weitere west- und zentralschweizer Bergregionen untersucht. Für manche dürfte das Buch einerseits als durchaus irritierend-anregende Perspektive lesbar sein – insbesondere dann, wenn man eine der beschriebenen Gegenden gut kennt und – zugleich aber wird hier in weiten Teilen offensiv der (Rück-)Weg vom Logos zum Mythos eingeschlagen und aller plastischen Darlegungen zum Trotz ist die Belastbarkeit der Argumentation mit grosser Vorsicht zu geniessen. Zudem sollte man weder gegenüber der teils penetranten Ideologisierung des Matriarchatskonzpets noch hinsichtlich eines assoziativ-esoterischen Denkstils allzu allergisch eingestellt sein, will man das Buch nicht nach kürzester Zeit genervt zur Seite legen.

Das Buch Berggöttinnen der Alpen, Matriarchale Landschaftsmythologie in vier Alpenländern bietet somit esoterikaffinen Alpenliebhaberinnen (und -liebhabern) eine vermutlich bereichernde Lektüre, eher auf dem Boden wissenschaftsbasierter Forschungsergebnisse argumentierende Zeitgenossen hingegen werden von Göttner-Abendroths Mythologie eher weniger überzeugt sein.

Preis

Das Buch Berggöttinnen der Alpen kostet 29,90 €.

Links

Verlag Raetia

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About The Author Jens Badura